Diversity bei Funksystemen: Was True Diversity wirklich bedeutet – und warum Non-Diversity im Live-Betrieb riskant ist
Wer mit Band, Theaterproduktion oder im Verleih-Alltag unterwegs ist, kennt das Problem: Funkstrecken laufen im Soundcheck stabil – und beim Gig gibt es plötzlich Dropouts. Häufig liegt das nicht an „zu wenig Pegel“, sondern an Physik. Genau hier kommt Diversity ins Spiel. Allerdings ist „Diversity“ nicht gleich „True Diversity“, und Non-Diversity ist im professionellen Live-/PA-Umfeld oft die Einladung für Ärger.
In diesem Artikel klären wir verständlich und technisch fundiert, was hinter den Begriffen steckt, wie sich die Systeme unterscheiden und welche Lösung in der Praxis wirklich überlegen ist.
Warum Funksysteme ausfallen: Multipath, Fading und die Realität auf Bühnen
Auf einer Bühne kommt das HF-Signal (UHF/1G/2,4 GHz – je nach System) selten nur „direkt“ beim Empfänger an. Es trifft zusätzlich als Reflexion von Metall, Traversen, LED-Wänden, FOH-Gehäusen, Publikum, Wänden oder sogar vom Boden ein. Diese Mehrwegeausbreitung nennt man Multipath.
Das Problem: Direktsignal und Reflexionen können sich phasig addieren oder auslöschen. Bei Auslöschung entstehen tiefe „Löcher“ im Empfangspegel – Fading. Und diese Löcher sind räumlich extrem klein: Schon eine Bewegung von wenigen Zentimetern kann den Unterschied zwischen „perfekt“ und „weg“ ausmachen. Auf einer dynamischen Bühne mit bewegten Künstlern, Publikum und wechselnden Reflektionsflächen ist das schlicht Alltag.
Wichtig: Diversity bekämpft primär Multipath-Fading, nicht grundsätzlich Störungen durch Interferenzen oder falsche Frequenzplanung. Es ist also ein sehr wirksames Werkzeug – aber kein Ersatz für saubere Koordination.
Non-Diversity: Was bedeutet das – und wann reicht es (nicht)?
Non-Diversity bedeutet: Der Empfänger hat nur einen Empfangszweig. Praktisch ist das meist eine Antenne und ein HF-Frontend. Wenn genau an dieser Empfangsposition ein Fading-Loch entsteht, dann ist die Funkstrecke in diesem Moment schlicht im Nachteil. Der Empfänger hat keine Alternative, auf die er „ausweichen“ kann.
In kontrollierten Umgebungen kann Non-Diversity funktionieren, zum Beispiel bei:
- sehr kurzer Distanz,
- klarer Sichtlinie,
- wenig reflektierenden Flächen,
- wenig Bewegung.
Auf echten Live-Bühnen ist das jedoch selten der Normalfall. Deshalb ist Non-Diversity im Veranstaltungsbetrieb eher etwas für einfache Anwendungen, Übungsräume oder „gut gemeinte“ Low-Budget-Setups – nicht für Jobs, bei denen Ausfallsicherheit zählt.
Antenna Diversity: Die Grundidee hinter „Diversity“
Bei klassischer Antenna Diversity nutzt der Empfänger zwei Antennen, die so positioniert sind, dass sie nicht gleichzeitig in dasselbe Fading-Loch geraten. Das kann über Abstand (Space Diversity), unterschiedliche Polarisation (Polarization Diversity) oder praktische Kombinationen davon passieren.
Der Empfänger bewertet fortlaufend die Empfangsqualität (z. B. RSSI, SNR, bei Digital auch Bit Error Rate) und wählt den besseren Zweig. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit dramatisch, dass ein kurzes Fading sofort hörbar wird.
Der entscheidende Punkt ist aber: Wie diese zwei Antennen intern verarbeitet werden. Und genau dort trennt sich Marketing von Technik.
True Diversity: Was ist der technische Unterschied?
True Diversity bedeutet im strengen technischen Sinn: Der Empfänger besitzt zwei weitgehend vollständige, unabhängige Empfangswege – also nicht nur zwei Antennen, sondern typischerweise auch zwei HF-Frontends (und je nach Architektur mehr doppelt ausgelegte Stufen). Damit werden beide Signale parallel verarbeitet, und das System kann sehr schnell und sehr zuverlässig auf den besseren Zweig umschalten.
Im Gegensatz dazu gibt es „Diversity“-Varianten, die zwar zwei Antennen bieten, intern aber nicht zwei echte Empfangswege besitzen. Das kann funktionieren, ist aber in kritischen Situationen weniger robust – vor allem, wenn das Umschalten träger ist oder die Bewertung des Signals weniger zuverlässig erfolgt.
In der Praxis gilt deshalb: True Diversity reduziert Dropouts am stärksten, weil es am effektivsten gegen die typischen, schnellen Multipath-Einbrüche arbeitet.
„Diversity“ ist nicht immer True Diversity: Typische Begriffsfallen
Im Markt werden Begriffe uneinheitlich genutzt. Das ist kein Drama, solange man weiß, worauf zu achten ist. Häufige Stolpersteine:
- „Diversity“ steht manchmal nur für „zwei Antennen“, ohne Aussage darüber, ob wirklich zwei Empfangswege vorhanden sind.
- „Antenna Diversity“ kann True Diversity sein – muss es aber nicht.
- „True Diversity“ wird in der Regel gezielt als Qualitätsmerkmal genannt, ist aber nicht automatisch ein Garant für perfekte Performance, wenn Frequenzplanung, Antennenposition oder Gain-Struktur danebenliegen.
Ein kurzer, praxisnaher Check hilft beim Einordnen. Wenn du nur eine kleine Liste in diesem Artikel möchtest, dann diese:
Kurzcheck beim Kauf/Setup
- Wird explizit True Diversity genannt (nicht nur „Diversity“)?
- Gibt es pro Kanal zwei Antennenanschlüsse und eine klare Diversity-Anzeige?
- Wirkt das Empfangsverhalten auch bei Bewegung stabil (Walktest über die Bühne)?
- Sind Remote-Antennen/Antennensplitter sinnvoll integrierbar, falls du skalierst?
Was ist „besser“ – Diversity, True Diversity oder Non-Diversity?
Wenn es um Live/PA/Veranstaltungstechnik geht, ist die Antwort relativ klar, sobald Ausfallsicherheit wichtig wird:
- True Diversity ist in der Regel die beste Wahl, weil es Multipath-Fading am zuverlässigsten abfängt.
- Diversity (nicht True) ist oft deutlich besser als Non-Diversity, kann aber je nach interner Architektur weniger robust sein.
- Non-Diversity ist nur dann sinnvoll, wenn Rahmenbedingungen sehr einfach sind oder der Preis das Hauptkriterium ist – und du mit dem Risiko leben kannst.
Der wichtigste Mehrwert von True Diversity zeigt sich genau dort, wo Live-Betrieb schwierig ist: Metallbühnen, enge Clubs mit Reflektionen, bewegte Künstler, volle Locations, LED-Wände, wechselnde Bühnenbilder. Also in der echten Welt.
Technischer Hintergrund: Warum zwei Antennen so viel bringen
Das Prinzip ist statistisch: Ein Fading-Loch entsteht durch destruktive Überlagerung an einem konkreten Ort bzw. in einer konkreten Polarisation. Wenn du eine zweite Antenne hast, die räumlich versetzt oder anders polarisiert ist, dann „sieht“ sie meist ein anderes Interferenzmuster. Die Chance, dass beide Antennen gleichzeitig im tiefen Minimum liegen, ist deutlich geringer.
Diversity ist damit keine „Verstärkung“, sondern eine Risikoreduktion durch Redundanz. Und True Diversity erhöht diese Redundanz nochmals, weil die Bewertung und Verfügbarkeit des Alternativsignals zuverlässiger ist.
Praxis-Tipps für Bands und Techniker: Diversity nutzt nur, wenn der Aufbau stimmt
Selbst das beste True-Diversity-System verliert, wenn die Antennen schlecht platziert sind. Zwei zentrale Regeln bringen in der Praxis viel:
Erstens: Antennen gehören so, dass sie „Blick“ auf die Bühne haben, statt hinter Racks, LED-Wänden oder direkt an Metall zu kleben. Zweitens: Wenn du mehrere Funkstrecken betreibst, wird Antennenmanagement (Remote-Antennen, passende Splitter, saubere Pegel) wichtiger als der einzelne Receiver.
Diversity rettet dich vor Multipath – aber nicht vor chaotischem HF-Setup.
Fazit: True Diversity ist im Live-Betrieb meist das sinnvollste Sicherheitsnetz
Für Bands, FOH-Techniker und Veranstaltungstechnik ist True Diversity bei Funksystemen in vielen Szenarien der pragmatische Standard, weil es genau das Problem adressiert, das im Live-Alltag am häufigsten zuschlägt: kurzzeitige Empfangseinbrüche durch Multipath-Fading.
Wenn du maximale Zuverlässigkeit brauchst, nimm True Diversity und kombiniere es mit guter Antennenplatzierung und sauberer Frequenzplanung. Wenn du nur „irgendwie Funk“ willst, kann Non-Diversity genügen – aber dann ist das Ausfallrisiko Teil des Deals.



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