Die Geschichte der PA-Anlage

Wie hat sich die PA-Anlage im Laufe der Jahre entwickelt

Die Geschichte der PA-Anlage: Von der ersten Beschallung 1915 bis zur modernen Veranstaltungstechnik

Wann die erste PA-Anlage eingesetzt wurde, ist erstaunlich konkret dokumentiert: Heiligabend 1915 in San Francisco. Seitdem hat sich die Veranstaltungstechnik von einem improvisierten Hornlautsprecher auf einem Rathausbalkon zu hochkomplexen Line-Arrays mit DSP, Netzwerk-Audio und Rigging-Software entwickelt. Schauen wir uns an, wie es dazu kam – und was das für uns heute als Musiker:innen und Techniker:innen bedeutet.


Vor der PA: Wenn die Stimme einfach nicht mehr reicht

Bevor es elektrische PA-Anlagen gab, waren große Veranstaltungen akustisch ziemlich brutal:
Stadtschreier, Megafone, akustische Hörner, manchmal mechanische „Schallverstärker“ wie in den frühen Kinos. All diese Lösungen hatten denselben Flaschenhals: die Schallenergie kam ausschließlich aus der menschlichen Stimme oder einem akustischen Instrument. Mehr als ein paar Hundert Leute konntest du damit kaum sinnvoll erreichen – schon gar nicht auf einem Stadtplatz mit mehreren zehntausend Menschen.

Gleichzeitig explodierten um 1900 herum die Städte, Massenveranstaltungen wurden politisch und wirtschaftlich interessant, und die Elektrotechnik machte riesige Sprünge: Telefonie, Funk, Röhrentechnik. Die Bühne war bereitet – es fehlte nur noch jemand, der auf die Idee kommt, Mikrofon, Verstärker und Lautsprecher zu einem System zu kombinieren.


1915 in San Francisco: Die Geburt der elektrischen PA-Anlage

Diesen Schritt machten Peter L. Jensen und Edwin Pridham, die später mit ihrer Firma Magnavox („große Stimme“) in die Audio­geschichte eingingen. Sie experimentierten ab den 1910er-Jahren mit einem neuartigen, elektrodynamischen Lautsprecher und kombinierten ihn mit Mikrofon und Verstärker – die Grundidee jeder PA-Anlage.

Der erste dokumentierte Einsatz einer elektrischen PA-Anlage bei einem öffentlichen Event fand am 24. Dezember 1915 vor dem Rathaus von San Francisco statt. Ein Weihnachtskonzert mit Chor und Ansprache des Bürgermeisters wurde über das Magnavox-System verstärkt, und zeitgenössische Berichte sprechen von 75.000 bis 100.000 Zuhörern, die die Musik und Reden „mit absoluter Deutlichkeit“ hören konnten.

Damit war die PA-Anlage als eigenes System geboren – nicht mehr nur ein großer Lautsprecher, sondern ein integriertes Beschallungssystem für Massenveranstaltungen.


Was die erste PA-Anlage auszeichnete (Specs & Technik)

Aus heutiger Sicht wirkt die Technik der ersten PA fast niedlich – gleichzeitig war sie für 1915 revolutionär. Die Quellen sind nicht in allen Details einheitlich, aber die technischen Eckdaten lassen sich recht gut eingrenzen:

  • Lautsprecherprinzip: elektrodynamischer Hornlautsprecher („Magnavox“) mit Schwingspule
  • Schwingspule & Membran: ca. 1″ (≈ 2,5 cm) Schwingspule, ~3″ (≈ 7,5 cm) Membran, gekoppelt an ein langes Horn mit großem Mund (ca. 34″ Länge, 22″ Hornöffnung – je nach Quelle leicht abweichend)
  • Magnetfeld: Elektromagnet mit einer Flussdichte von rund 11.000 Gauss, also enorm stark für die Zeit
  • Mikrofon: Kohlemikrofon („Transmitter“) vor einem parabolischen Metallreflektor, damit der/die Redner:in nicht direkt davorstehen musste und trotzdem genug Pegel am Mikro ankam
  • Verstärkung: zunächst speiste eine 12-Volt-Batterie das System; frühe Röhrenverstärker lieferten nur relativ geringe Leistungen. Berichte sprechen von einem Röhrenverstärker mit etwa 10 Watt Ausgangsleistung und sechs Röhren, der erst durch das große Horn genug Schalldruck erzeugen konnte
  • Reichweite: Zeitzeugen behaupten, dass die verstärkte Stimme bis zu 1,5 km weit zu hören gewesen sei – natürlich stark abhängig von Umgebung und Pegel, aber als Marketing-Story funktionierte es hervorragend

Spannend aus Veranstaltungstechnik-Sicht: Schon in dieser allerersten PA stecken alle Grundelemente, die wir heute noch haben – Mikrofon → Verstärker → Lautsprecher mit definierter Richtwirkung. Nur in sehr reduzierter, mechanisch geprägter Form.


Warum brauchte man plötzlich eine PA-Anlage?

Die Antwort liegt in einer Mischung aus Gesellschaft, Politik und Technologie:

  1. Massenveranstaltungen wurden normal
    Weltausstellungen, Großkundgebungen, Sportereignisse, Großdemonstrationen – überall sollten plötzlich Zehntausende gleichzeitig erreicht werden. Ohne elektrische Beschallung war das schlicht nicht mehr sinnvoll machbar.

  2. Neue Röhrentechnik machte Audioverstärkung überhaupt erst möglich
    Mit der Erfindung der Triodenröhre durch Lee de Forest (1906) und der Weiterentwicklung der Vakuumröhrentechnik wurden Audioverstärker mit nennbarer Leistung realistisch.

  3. Politik entdeckte das Mikrofon
    Bereits 1919 nutzte US-Präsident Woodrow Wilson eine Magnavox-PA, um vor zehntausenden Menschen zu sprechen – ein medienhistorisch wichtiger Moment, der zeigte, was elektrischer Schall für Macht entfalten konnte.

  4. Industrie und Infrastruktur brauchten Durchsagen
    Bahnhöfe, Fabriken, Schulen und Großbetriebe verlangten nach Systemen, mit denen man Durchsagen machen, Menschen warnen oder koordinieren konnte. Die „Public Address“ wurde zu einem eigenen Markt.

Kurz: Die PA-Anlage war nicht nur eine technische Spielerei – sie war die logische Antwort auf eine immer lautere, dichtere und komplexere Welt.


Von Röhren zu Line-Arrays: Was seit 1915 passiert ist

1920er–1930er: Röhren-PA und erste Großbeschallungen

In den 1920ern begannen große Elektrokonzerne wie Bell Labs in den USA sowie Siemens und Telefunken in Europa, systematisch an großen Beschallungsanlagen zu arbeiten. Überall dort, wo Menschenmengen zusammenkamen – Stadtplätze, Stadien, Kinos, Kirchen – wurden Röhrenverstärker mit Hornlautsprechern eingesetzt, um Sprache verständlich zu machen.

Technisch blieb das Prinzip ähnlich: Kohlemikrofone oder frühe Kondensatormikros, Röhrenamps mit vergleichsweise wenig Leistung, und große, oft monströs wirkende Hörner.

1940er–1960er: High-Power-Lautsprecher und HiFi-Denken

Mit der Weiterentwicklung der Lautsprechertechnik – unter anderem durch Firmen wie Jensen, die in den 1930er und 40er-Jahren Mehrweg-Systeme, Bassreflexgehäuse, Hornhochtöner und später Koaxialkonstruktionen einführten – kam auch in der Beschallung eine neue Qualität auf: breiterer Frequenzgang, höhere Belastbarkeit, bessere Abstrahlung.

Kinosoundsysteme und frühe Konzert-PAs profitierten von diesen Entwicklungen – auch wenn man von heutigen Standards noch weit entfernt war.

1960er–1980er: Transistoren, Touring-PA und Rock’n’Roll

Die Einführung des Transistors und später integrierter Halbleiterverstärker war für die PA-Welt ein Gamechanger:
Verstärker wurden kompakter, zuverlässiger und deutlich leistungsfähiger. In den 1960er- und 70er-Jahren entstanden die ersten mobilen Touring-PAs, wie wir sie heute kennen: getrennte Topteile und Subwoofer, große Stapel aus Horntops, dazu Bühnenmonitore, die zum Standard im Live-Betrieb wurden.

Im Rock- und Pop-Bereich ging es in dieser Phase schlicht darum, möglichst laut und halbwegs kontrolliert zu sein – Sounddesign im modernen Sinn steckte noch in den Kinderschuhen.

1990er bis heute: Line-Arrays, DSP und Systemdenken

Ab den 1990er-Jahren setzte sich ein Paradigmenwechsel durch:

  • Line-Array-Systeme erlaubten eine viel gleichmäßigere Pegelverteilung über große Distanzen – ideal für Arenen, Stadien und große Open-Air-Bühnen.
  • Digitale Signalprozessoren (DSP) wanderten in Controller und später direkt in aktive Lautsprecher: Delays, FIR-Filter, Limiting, Presets für verschiedene Setups wurden Standard.
  • Class-D-Endstufen machten hohe Leistungen bei geringem Gewicht und hohem Wirkungsgrad möglich – im Rack wie in aktiven Tops und Subs.
  • Netzwerk-Audio (Dante, AVB & Co.) schuf flexible Infrastrukturen, in denen Pulte, Stageboxen, Amps und Controller über Ethernet verbunden sind.

Heute ist „PA“ weniger ein einzelnes Gerät als vielmehr ein durchgeplantes System aus Lautsprechern, Endstufen, DSP, Messung und Steuerung – oft inklusive Simulation in Software, bevor überhaupt ein Case im Truck landet.


Was heißt das für dich als Musiker:in oder Techniker:in?

Wenn du heute ein modernes Beschallungssystem im Club, im Stadtfest-FOH oder im Festival-Rig bedienst, stehst du auf den Schultern eines Systems, das vor gut 100 Jahren mit ca. 10 Watt Röhrenleistung und einem einzigen Hornlautsprecher anfing.

Ein paar Gedanken, die sich aus dieser Historie ableiten lassen:

  • Laut ist einfach – kontrolliert laut ist Kunst.
    Schon die erste Magnavox-PA zeigte, dass der Trick nicht nur „mehr Power“, sondern die richtige Richtwirkung ist. Heute erreichst du das mit durchdachten Systemen, korrektem Rigging und sauberer Ausrichtung.

  • Intelligibilität bleibt König.
    1915 ging es darum, dass 100.000 Menschen einen Bürgermeister verstehen können. Heute wollen wir, dass jede Silbe der Sängerin in Reihe 1 genauso verständlich ist wie in Reihe 40. Alles andere ist Bonus.

  • Systemdesign schlägt Bauchgefühl.
    Früher stellte man ein Horn irgendwo hin und hoffte aufs Beste. Heute kannst du auf Basis von Simulationen, Messungen und Presets sehr genau vorhersagen, was dein System tut. Nutze das – gerade bei anspruchsvollen Gigs.

  • PA ist kein Selbstzweck, sondern Teil der Inszenierung.
    Die Geschichte zeigt: PA entstand aus einem Bedürfnis – Menschen erreichen, Emotionen transportieren, Informationen verständlich machen. Wenn du heute ein System planst, stell dir immer die Frage: Wen will ich erreichen – und wie fühlt sich das für die Leute an?


Die Geschichte der PA-Anlage – Fazit:

Die erste PA-Anlage war 1915 nichts weiter als ein elektrisch angetriebener Hornlautsprecher mit Mikrofon und Röhrenverstärker – aber sie veränderte, wie wir Veranstaltungen denken. Aus der „großen Stimme“ von Magnavox wurden über Röhren-PA, transistorisierte Touring-Stacks und digitale Line-Arrays die hochentwickelten Systeme, mit denen wir heute Festivals, Konzerte, Messen und Stadien beschallen.

Für den modernen Musiker- und Veranstaltungstechnik-Alltag bedeutet das:
Je besser du verstehst, woher PA-Anlagen kommen, desto souveräner kannst du entscheiden, wie du sie einsetzt – ob im kleinen Club oder auf der Open-Air-Mainstage.

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